Neues Leben / “neues” Leben / Leben

“Die Globalisierung hat die Zukunft als Ort der Utopie abgelöst. Statt einer avantgardistischen Politik der Zukunft praktiziert man heute eine Politik des Nomadentums, die eine utopische Dimension wieder einführt, die in den Zeiten des romantischen Tourismus verloren schien…. Die Utopie ist hier Überwindung der Gegensätze zwischen Bleiben und Reisen, Sesshaftigkeit und Nomadentum, Stadt und Land – als totaler Raum, in dem die Topografie der Erdfläche mit dem Utopos der ewigen Stadt identisch wird. . ” (Boris Groys)

Das Leben auf dem Balkan (Niš, Novi Sad). Das Leben in Westeuropa (Lausanne / CH, Wiesbaden, Konstanz / DE). Arbeit in der Kunst auf dem Balkan. Arbeit in der Kunst in Westeuropa. Es scheint, als ob es unendlich viele Möglichkeiten und Chancen für den Vergleich und die Auswahl von Identität und Identifikation, kurzfristigen, nicht-ständigen, unsicheren und sicheren Existenzen, spontanen und aufgezwungenen Korrelationen und Beziehungen gäbe.

Die persönliche, und zugleich Deterritorialisierung des eigenen künstlerischen Ausdrucks ist nicht nur möglich, sondern für den heutigen Künstler oft notwendig (und nützlich) in einer Ära des konstanten und kontinuierlich komplexen Zwischenspiels von Verlagerung und Umzug. Die Identität und Integrität der Kunstform, als auch die persönliche, eigene, kann heutzutage praktisch überall erreicht und realisiert werden. Der lokale Kontext hat sich zu einem globalen Kontext erweitert (und umgekehrt).

Neue Kulturen, bekannte und unbekannte Umgebungen existieren nur in Form von touristischen Broschüren, die eine Herausforderung, in Hinsicht von geografischen Verschiebungen bieten, aber nicht auch in der Schaffung von wahren menschlichen und kulturellen Beziehungen. Eine andere Seite des Problems sind große Migrationen, Zufluchtsorte, erzwungene und freiwillige Übersiedlungen, deren jahrzehntelange Aktualität, eine der schwierigsten und ernsthaftesten Probleme für die ganze Welt und die moderne Zivilisation darstellt.

Sich mit der Wirklichkeit befassen, nicht aber mit der Simulation, der figurativen Beschreibung oder mit einem Spiel des Vorscheins, erfordert Verzicht auf Illusionen, die ohnehin nicht mehr möglich sind. Die Realität stellt für Mina, in diesem Sinne keinen begrenzenden Rahmen dar. Es hat den Anschein, dass sie in ihrer Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit als auch in ihrer Durchdringlichkeit und Undurchdringlichkeit, Anreiz für neue Möglichkeiten findet, etwas oder sich selbst zum Ausdruck zu bringen.

Der Akt der Präsenz, der Akt der Aneignung der Wirklichkeit, der Dialog mit dem Realen in städtischer Umgebung, welche ihr bekannt ist oder die sie erst kennenlernt, fasst sie als eine Art und Weise, für die Erforschung und das Leben der Stadt, als eine Realität, die gegeben ist, aber welche sich auch ständig ändert auf.

Der Raum des Bildes ist erfüllt mit lebhafter Aktivität, Details von Ereignissen, Sequenzen der Erinnerungen, Kombinationen von Szenen und Texten, derer die im Vorbeigehen bemerkt wurden. Zeichen, Symbole, Begriffe, Phrasen, Wörter, Buchstaben, sind expressive Elemente, die mit bildlichen Szenen eine Ikonografie formen, die obwohl durch Stadtlärm und Zorn “inspiriert” wurde, nicht brutal oder zerstörerisch wirkt. Minas Repertoire von Symbolen, dieses Vermischen von beiläufigen Szenen mit Erinnerungen und echten Erfahrungen, funktioniert nach einem festgelegten System des Wechselns von referenziellen und emotionellen Botschaften.

Die visuellen Codes stammen aus der Selbstreflexivität des Malers, aus den Fragen nach dem Sinn der eigenen Existenz, aber auch aus der Selbstverwirklichung durch die Schaffung einer neuen Utopie, der eigenen Mikrowelt.

Die individualisierte Ästhetik der Malerei von Mina Ilic basiert sich auf einer Mischung von “Kunst” und “Leben”. Eine Welt, die sich täglich ausdehnt und zusammenzieht, welche pulsiert, welche sich dramatisch ändert, aber auch unglaublich langsam und apathisch wegen zu großer Beschleunigung wird, diese Welt und die Stadt in dieser Welt ist das Thema ihres Interesses und der malerischen Abhandlung und Verarbeitung.

Die Art der Collagierung stellt für Mina Ilic den Eingang / Ausgang in die Welt dar, in die Stadt des (ihres) Bildes. Die Nachrichten, welche sie sammelt und über die Oberfläche der Leinwand oder eines Papiers verteilt, stellen eine Art Montage der realen Welt und des Weltbilds dar, wie wortwörtlich so auch metaphorisch, welche ein Quantum einer geheimnisvollen unbekannten Quelle oder eines Ziels / einer Absicht in sich trägt. Eine eroberte oder angeeignete neue Umgebung ist wie ein (neuer) Lebensraum für eine neue Zukunft. Die erworbene Lebenserfahrung schließt nicht die Möglichkeit aus, andere, verschiedene, neue Erfahrungen zu machen. Dieselben, jedoch anders. Daher sprechen ihre intimen, aus dem Leben und der Arbeit der Malerei entstandenen topologischen Einträge, paradoxerweise über das “Hier und Jetzt”, worunter verstanden wird – egal wo und egal wann.

Mina glaubt an ihre Bilder und die Wahrheit, die sie mit sich bringen. Sie glaubt an ihr persönliches und künstlerisches Geschick, welches mehr von Möglichkeiten als von der Auswahl geführt ist. Ihr Vertrauen wird auf das Publikum übertragen, an diejenigen, mit welchen sie verschiedene Register und Ebenen des Verstehens festlegt. In der Zwischenzeit stellen der entstandene Lärm und die Unterbrechungen einen Teil dieses Pakets der Kommunikation in der Gegenwart dar, wenn wir einfach die Sättigung von optischen und akustischen Eindrücken leben, mit welchen wir von der Außenwelt überschwemmt werden, mit der Allgegenwart von sozialen Netzwerken und Mitteln der Massenkommunikation.

Der Kontext der zeitgenössischen Kunst ist im Gegensatz zu der modernistischen Tradition instabil, wechselhaft und unbeständig, für Mina Ilic ist die Bildfläche eine Fläche (Gebiet) der Freiheit. Sie ermöglicht ihr zahlreiche Umwandlungen, Umschreibungen, Neuprogrammierungen, das Füllen und Entleeren von Sinngehalt.

Am Ende ihre fast poetischen Darstellung von Auszügen der Realität und ein wenig romantisierende Beschreibung der Stadt, spricht von der Notwendigkeit für einfache Situationen und Begegnungen, für Gleichgewicht, spricht von der Notwendigkeit und der Suche nach einem authentischen Leben in oder trotz des digitalen Zeitalters und virtuell vermittelter Realität.

Suzana Vuksanovic
Kunsthistorikerin

Kunst-Metro

Noch heute ist Mina Ilic, die 2011 hier ausstellte, vom Konzept begeistert. «Es ist schwierig, in Deutschland und der Schweiz etwas Ähnliches zu finden.» Umso grösser war die Freude, als sie jetzt wieder eingeladen wurde.
Die aus Serbien stammende, in Konstanz lebende Künstlerin mit Jahrgang 1979 schickt ihren Container – und mit ihm sein Publikum – auf eine Reise durch Long Island im Staat New York: Er verwandelt sich in einen Waggon mit Bänken (sitzen erlaubt!) und Haltegriffen (bitte nicht ziehen!); die Bilder an den Wänden sind Fenster und Haltestelle zugleich. Sogar über einen Linienplan verfügt diese «Kunst-Metro», in der es etwas zu entdecken gibt: Die flächigen Bilder erinnern an Kinderbuchillustrationen und erzählen teils surreal anmutende Geschichten.

Helmut Dworschak
Der Landbote
Samstag, 26. September 2015

landbote15

Kleine Formate aus dem Kämmerlein

Die Künstlerin Mina Ilic bevorzugt großflächige Arbeiten, muss sich aber aus Platzmangel derzeit bescheiden

BIERSTADT

In den Stadtteilen leben eine ganze Reihe verborgener Talente, die sich der Bildenden Kunst widmen.
In unserer Serie stellen wir einige von ihnen vor. Diesmal waren wir zu Gast bei Mina Ilic in Bierstadt.

Von

Anja Baumgart-Pietsch

Eigentlich liebt sie das große Format. Und eigentlich möchte sie auch gerne wieder zurück zur Skulptur – doch momentan

mangelt es bedauerlicherweise an Platz und an Zeit. Die 30-jährige, aus der Stadt Nis in Serbien stammende Künstlerin Mina

Ilic muss sich in ihrer Wohnung in der Bierstadter Straße Am Wartturm mit einem kleinen Zimmer als Atelier begnügen. “Daher

mache ich im Augenblick viele kleine Formate”, sagt die Malerin, die neben ihrer künstlerischen Tätigkeit begeisterte Mutter

zweier kleiner Töchter ist.

Viel unterwegsNach Deutschland gekommen ist sie wegen der beruflichen Karriere ihres Mannes, eines Ingenieurs, der

ebenfalls aus Serbien stammt. Er betätige sich in einem seltenen technischen Feld, in dessen Branche es nur wenige Firmen

gebe, sagt Ilic. “Daher ziehen wir öfters um.” Vor Wiesbaden war die letzte Station die französischsprachige Schweiz. “Da

musste ich erst einmal Französisch lernen”, erzählt Ilic, “nun schon wieder Deutsch. Obwohl ich einen Sprachkurs belegt

habe, fehlt es mir doch an der notwendigen Praxis.” Nicht jedoch ihren Kindern, die einen deutschen Kindergarten besuchen.

In diesem Alter gibt es ja kaum Probleme, sich Sprachen anzueignen. Aber Mina Ilic ist es doch lieber, wenn das Interview in

englischer Sprache geführt wird.

Wiesbaden gefällt der jungen Serbin ausgesprochen gut, “hier ist alles so ruhig, so schön”. Für das Familienleben sei es eine

ideale Stadt. Für das künstlerische Leben hingegen würde sie sich schon etwas mehr Bewegung, Leben und Abwechslung

wünschen. “Da bin ich etwas gespalten, vermisse in diesem Punkt etwas Großstadt-Atmosphäre”, gibt Ilic zu. Auch die

Wiesbadener Galerien seien ihr gegenüber eher reserviert gewesen, als sie ihre Bilder dort anzubieten versuchte. “Man hat

anscheinend hier wenig für jüngere, unbekanntere Künstler übrig”, sagt sie, “viele haben nicht einmal einen Blick auf meine

Bilder geworfen, sondern gleich abgewinkt”.

Schade, denn Mina Ilics Kunst lohnt weit mehr als einen Blick. Zwei Ausstellungen hatte die Künstlerin bereits in Wiesbaden.

In der Innenstadt-Kneipe “Haltbar” hingen ihre Bilder in diesem Jahr, in Biebrich ist sie beteiligt an der Straßen-Ausstellung

“Unter Glas”. Dort wurden unterschiedliche Werke Wiesbadener Künstler in Schaufenstern im Biebricher Ortskern platziert –

mit größtmöglicher Öffentlichkeitswirkung. Mina Ilic hat sich zwei Fenster in der Commerzbank-Filiale ausgesucht, in denen

nun ihre großformatigen, speziell für diesen Ort angefertigten Bilder hängen.

“Der Direktor hatte sich vorher meine Bilder im Internet angesehen”, erzählt sie. “Er war skeptisch, er sah zu viel Aggressivität,

dunkle Farben, eine eher abschreckende Motivwahl.” Mina Ilic war überrascht. So habe sie ihre eigene Kunst noch nie

betrachtet, sagt die Malerin. “Ich möchte eher die Phantasie und Vorstellungskraft der Betrachter anregen,

Überraschungseffekte auslösen und zum Nachdenken herausfordern”, erzählt die Künstlerin. Doch sie kam mit der Bank

schließlich überein, die gewählten Motive dennoch in der Filiale auszustellen. Von der Farbgebung her verzichtete Mina Ilic

dann auch auf die dunklen Töne.

Ihr Stil ist inspiriert von Comic und Collage, die Bilder sind detailreich, mal abstrakt, mal figürlich, und gerne verwendet die

Künstlerin Buchstaben und Wörter in ihnen. “Ich möchte zum ganz genauen Hinsehen einladen”, sagt Ilic. Die Wörter, oft aus

dem Zusammenhang gerissen, irgendwo ausgeschnitten, lösen Assoziationen aus. Die Bilder “Ouvre la bouche” und “Ferme

la porte”, die in Biebrich hängen, sollen ebenfalls genau betrachtet werden. Auch hier spielen Buchstaben und Menschen eine

große Rolle, und als Inspiration kann man hier sehr deutlich Fragmente aus Popkultur, Comicstrips und Grafikdesign

wahrnehmen.

Mina Ilic kann auf eine solide Ausbildung in Serbien und in der Schweiz zurückblicken. Sie studierte an der Akademie der

Schönen Künste in Novi Sad, erhielt dort bereits als Studentin mehrere Preise und vervollkommnete ihre Studien in der

Schweiz, in Genf, mit einem Postgraduate-Studium. Auch Grafikdesign war Teil ihrer Ausbildung. “Aber Design ist mir nicht frei

genug”, sagt Ilic, die sich im Übrigen mehr künstlerische Kontakte wünscht.

Kontakt zu KollegenBei der Ausstellung “Unter Glas”, zu deren Teilnahme sie durch die Biebricher Künstlerin Birgid Helmy

angeregt wurde, habe ihr die Möglichkeit zum Austausch unter Kollegen schon gut gefallen. “Das fehlt mir im Moment wirklich

ein bisschen”, sagt sie, die zur Zeit tatsächlich meist ganz alleine arbeitet – in besagtem “Kämmerlein” in der Wohnung. Einer

Ateliergemeinschaft oder einer Künstlergruppe anzugehören, das würde ihr gefallen, meint die Malerin, die übrigens auch

originelle Portemonnaies entworfen hat.

Doch wie lange die Familie überhaupt noch in Wiesbaden bleibt, kann sie schwer vorhersagen. Denn die Karriere ihres

Ehemannes wird sie sicherlich noch an weitere Stationen führen, vielleicht zurück in die Schweiz, vielleicht auch

ganz woanders hin.

Wiesbadener Tagblatt vom 15.10.2009 / Lokales Wiesbaden